Schamanen-Ritual am Himalaya

Das Ritual der Schamanen an den rituellen Kraftplätzen des Himalaya
 
“Thanks for taking the risk and flying with Bhudda Air” drang es schnarrend aus dem Kabinenlautsprecher, das smarte Lächeln der Flugbegleiterin konnte aber trotzdem nicht verhindern, dass ich ihr Dankeschön ganz anders verstanden habe.

Bei einem ( Buddha sei Dank ) gut überstandenen Flug entlang des Himalaya Massivs auf dem die kleine Maschine ununterbrochenen Turbulenzen ausgesetzt war und von einem „Luftloch“ ins andere sprang, wussten die verstörten 17 Passagiere oft nicht ob sie der Erde oder dem Himmel näher waren. Nun, die gerade durchgegebene Ansage klang eher nach einem erlösenden Dankesgebet der Stewardess.
 
Welcome to Nepal, the country of ‚possible‘ internet. Tatsächlich – es gibt auch im mittelalterlichen Nepal schon Internetanschlüsse, auch wenn man für den Betrieb manchmal noch eine Kurbel benötigt, aber es funktioniert. Zwar flackernd und etwas holprig, aber nach 25 nervenden Minuten erscheint immerhin eine erste Nachricht von meinem Verbindungsmann auf dem Bildschirm: Spash, “solly sir, but problem with electricity, you know…
 
Und mit einem mitleidigen Lächeln höre ich in Internet Café: „You come back later, but pay now, may be then working. Shiva shall be with you…“ Fuck you, Shiva – denke ich nur und entferne mich aus der elektrischen Kurzschlusszone in Richtung Unterkunft.
 

Hier probiere ich nochmals eine Nachricht zu senden: yes, we have Internet, but not today. Bhudda Shakyamuni will make things work tomorrow…
 
Strom ist in Nepal ein kleines Mysterium – er ist da aber keiner weiß wo. Irgendwie denkt man dabei an den Schatten des Windes…
 
Der nächste Morgen veränderte geradezu die Welt und mein stromloses Dasein: mein Kontaktmann pochte zur früher Stunde an meiner Zimmertüre und grüßte, sich ständig verbeugend mit einem erfrischenden namastè, „Very solly sir, I am little late, but shaman waiting for you.“ Na wenigstens bin ich nicht zu spät. Raus aus den Federn und rein in die Daunenjacke. Ein kurzer Blick aus dem Fenster prophezeit mir, dass mich ein eisiger Winterwind auf dem Weg zum Schamanenritual begleiten wird.
 
Diese Fahrt zum Platz der Schamanen wurde für mich – und das wurde mir erst später eindringlich bewusst – eine Reise zu den letzten Geheimnissen unserer Erde. Alljährlich finden in Nepal schamanische Rituale in unterschiedlichen Orten und Gegenden statt – geheim und auf keinen Fall für Ausländer zugängig. In diesem wurde ich von drei Schamanen, mit denen ich schon seit geraumer Zeit zusammenarbeite und die das Geheimnis der jahrhundertealten Tradition wahren, zu deren Ritualen eingeladen.

Eine Dezembernacht wie sie unangenehmer kaum sein kann. Finster und bitter kalt. Hier in der unendlichen Himalaya Region spürt man die Kraft der Natur in jedem Knochen.
 
Ich habe diese Reise Kalis Shakti genannt, was soviel heißt wie die Erneuerung der magischen Kräfte, herbeigeführt durch die Blutgöttin Kali – wahrscheinlich habe ich mir mit diesem Namen selber nur Mut machen wollen, nicht wissend was mich eigentlich erwartet – und diesem Ritual darf ich nun fünf Tage lang beiwohnen. Seit zwei Jahren habe ich unzählige Mittelsmänner aufgebaut und in dieses Projekt investiert um diesem letzten Geheimnis des schamanischen Nepals dahinterzukommen. Es existiert und das in einer Form wie vor Jahrhunderten und das auch seit Jahrhunderten – das einzige das nicht jahrhunderte alt ist bei diesem Ritual werde wohl ich sein, denn die Schamanen die es zelebrieren kommen schon seit vielen Reinkarnationen hierher.
 
Eingehüllt in Decken und mit Asche bestrichen, saß ich nun da. Die Trommel erklang, tranceähnliche Gesänge erklangen und das stundenlang. Immer wurde das Trommeln mit Vorbereitungen für den Kontakt mit den Geistern unterbrochen und ich wieder mit Asche beschmiert, sodass ich für die Geister nicht zu erkennen war. Und dann geschah das worauf ich Jahre gehofft hatte, ich sah die Geister aus der anderen Welt als Licht und Schattenwesen näher kommen. Die Schamanen tanzen um sie herum und glitten immer in Trance. Mein Puls schlug als würde ich schon fliegen, mein Herz klopfte wie Kolben eines hochdrehenden Motors. Ja ich war mitten drin und beobachtete das Frage-Antwort-Spiel der Schamanen bis zum Morgengrauen bis ich vor lauter Aufregung und Erschöpfung am Boden einschlief, während die Schamanen noch immer tanzten und die Geister beschwörten.
 

 
Nach Jahren und einer langen Vorbereitungsphase war ich nun an vorderster Front Zuseher der Begegnung zwischen den Welten und vergaß das vorangegangene Problem mit der modernen vorher nicht wegzudenkenden Welt des Internet – wie relativ alles wurde und unwichtig. Die Wahrnehmung der anderen Welt schaffte ein ganz neues Bewusstsein und andere Perspektiven in mir. Ich bin durch eine Schule der Wahrnehmung gegangen, in die man sich nicht einschreiben kann, in die man nur eingeladen werden kann, wenn man auserwählt wird. Dieses Geschenk wurde mir langsam klar.
 

 
Die Trommeln der Schamanen wurden zu meinen Tagesbegleitern, Lobsang mein treuer Gefährte, der Langtang Himalaya mein Ziel. Sonne, Wind und Sterne übernahmen die Zielrichtung. Ich sehe meine Grenzen gesprengt und mich von meinem Herz verstanden. Die Welt hat mich wieder, Regeln brechen, der Raum bleibt als Konstante, die variable Zeit fliest an mir vorüber und wird unberechenbar – wie wundervoll und sprengend zugleich. Ist es doch meine Seele, die ich immer hier aufschnappe in der Welt der Schamanen – bleibt sie doch immer nomadisierend. Die Schamanen lehrten mich viel in all den Jahren. Den Weg als Ziel anzusehen, die Balance zu suchen, Ausgleiche der Energien herbeizuführen, Entfernungen als Zeitreisen nach Innen zu sehen. Und sie lehrten mich wie einfach es ist die Scheuklappen abzulegen, um wieder leben zu können. Einfach leben, heute hier und jetzt, den Augenblick, in der Tiefe, in der Verinnerlichung, mich zu leben – so wie ich bin, immer vor Augen haltend, dass die einzige Konstante im Leben die Veränderung ist. Keine Rechenschaft abzulegen, warum und wieso, Fehler zu machen und niemals perfekt zu werden – Perfektionismus ist ja doch nur eine Krankheit, die Schamanen präventiv heilen.
 
Alles ist anders in ihrer Welt, sie sind anders, die Wahrnehmung ist eine andere. Für mich ist es eine Welt der Faszination in die ich immer und immer wieder eintauchen möchte.